MdB Irmer im Gespräch mit „Mister Netz“, Peter Dietzel

10. Oktober 2019

Selbsthilfe in Bangladesch

Seit 30 Jahren gibt es den bundesweit tätigen Verein „Netz“, der sich zum Ziel gesetzt hat, die Selbsthilfe der Menschen in Bangladesch zu stärken, die zu den ärmsten gehören, so dass sie ein Leben in Würde führen können. Um sich über die Arbeit von „Netz“ zu informieren, sprach dieser Tage MdB Hans-Jürgen Irmer (CDU) mit dem hauptberuflichen Geschäftsführer Peter Dietzel. Dietzel erläuterte, dass man insgesamt 14 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der bundesweiten Zentrale in Wetzlar habe, neun davon in Vollzeit. Hinzu kämen bundesweit rund 100 ehrenamtlich Aktive sowie rund 6000 Unterstützer.

Der Gesamtetat belaufe sich auf etwa 3,5 bis 4 Millionen Euro jährlich. Darin enthalten seien staatliche Zuschüsse zum Beispiel aus dem Entwicklungsministerium von rund 2 Millionen Euro, Zuschüsse von der EU, aber auch aus Stiftungen, von „Brot für die Welt“ und „Misereor“. Private Spenden machten etwa 20 Prozent der Mittel aus. Mit diesem Geld könne der Verein gemeinsam mit den zehn Partnerorganisationen, mit denen er vor Ort kooperiere, sehr viel Sinnvolles bewegen. So erarbeiteten Frauen in entlegenen Regionen, unterstützt von lokalen Dorfhelfern, Familienentwicklungspläne und erhielten ein Startkapital von 150 Euro, für dortige Verhältnisse ein sehr hoher Betrag. Das Projekt lege Wert darauf, dass das Kapital revolviere, also immer wieder neu investiert würde. Gezielt würden die Frauen durch diese Arbeit gestärkt. Sie organisierten Dorfgruppen, führten gemeinsame Sparkonten, machten kleine Geschäfte auf, wie beispielsweise Korbflechterei oder einen kleinen landwirtschaftlichen Betrieb.

Wichtig für „Netz“ sei es, dass die gewonnenen Erfahrungen und Erkenntnisse gezielt weitergetragen würden, damit sinnvolle flächendeckende Veränderungen gefördert würden. Insgesamt habe das Projekt bisher rund 75.000 Familien erreicht. Wenn man im Schnitt nur vier Personen ansetze, diskutiere man über immerhin 300.000 Menschen, die konkret ihr Einkommen und ihre Ernährung signifikant verbessert hätten. Zu den Schulungsangeboten gehörten auch Fragen der Hygiene, der Ernährung und Frauenrechte.

Ein zweites großes Projekt fördere die Bildung der Kinder. Bildung, so Dietzel und Irmer, sei nun einmal das Kapital der Zukunft. Deshalb unterstütze „Netz“ den Aufbau von Grundschulen vor Ort. In abgelegenen Gebieten müssten viele Kinder morgens weite Wege, teilweise durchaus gefährlich zu Fuß zurücklegen, um in die Schulen zu kommen. Deshalb sei die Schule vor Ort so wichtig. Bangladeschische Mitarbeiter würden die Lehrkräfte ausbilden und pädagogische Konzepte entwickeln, die auch Grundwerte einer demokratischen Gesellschaft mit Religions- und Meinungsfreiheit beinhalte.

90 Prozent der Bevölkerung des Landes gehören dem Islam an. Dieser stehe in Bangladesch für Wertschätzung und Respekt gegenüber anderen Religionen und Weltanschauungen, Herzenswärme würde das Miteinander der Menschen prägen, bringt Dietzel seine Hochachtung gegenüber der Kultur des Landes zum Ausdruck. Gewisse Sorge bereite allerdings die Entwicklung der Koranschulen, die von Ölstaaten unterstützt würden, um für eine Form des Islams zu werben, der mit den Prinzipien einer offenen, menschenrechtsbasierten Gesellschaft nicht unbedingt konform gehe.

Das dritte Projekt beziehe sich auf die Fragen der Menschenrechte, der Gleichberechtigung von Frauen und Männern, des demokratischen Dialogs. Die Verfassung von Bangladesch sei sehr progressiv, die von Traditionen geprägte Praxis in den Dörfern sehe jedoch oft anders aus. Daher unterstütze „Netz“ hier die Aufklärungsarbeit des Staates und lokaler Partnerorganisationen, auch bezogen auf Kinderheiraten – etwa 40 Prozent der Mädchen wären bereits mit 16 Jahren verheiratet -, behandele das Thema Gewalt gegen Frauen oder auch die Auszahlung der Rente an Witwen, denen diese zustehe.

Man sei sich bewusst darüber, so Dietzel abschließend, dass diese Arbeit einen langen Atem benötige. Doch durch die Zusammenarbeit so vieler Akteurinnen und Akteure, die für die Rechte und die Würde aller Menschen eintreten, ließen sich dauerhafte Veränderungen erzielen.

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