Ostdeutsche Spitzenleichtathletin und Doping-Opfer Ines Geipel beim Tag der Deutschen Einheit in Wetzlar

8. Oktober 2019

Staatsdoping in der DDR: Es ist noch Vieles aufzuklären und zu erforschen

       (wf). Ihren vorbereiteten Vortrag zum Thema „DDR-Zwangs-Doping – wo steht der Osten in Sachen Aufklärung?“schob Ines Geipel zur Seite. Bei der Gedenkfeier zum Tag der Deutschen Einheit im Konzertsaal der Musikschule Wetzlar, zu dem sie vom CDU-Kreisverband Lahn-Dill als Gastrednerin eingeladen und vom Hans-Jürgen Irmer begrüßt worden war, referierte die 1960 im „Tal der Ahnungslosen“, sprich in Dresden, geborene und dort „als klassisches Mauerkind“ auch bis zum 14. Lebensjahr aufgewachsene spätere DDR-Spitzenleichtathletin im Frage-und-Antwort-Modus frei. Und gewährte dabei abseits des Manuskriptes dem knapp 100-köpfigen Publikum wohl nicht ganz alltägliche Einblicke in ihre nach eigenem Bekunden „dramatische Herkunfts- und Familiengeschichte“.

Mit Zwangsdoping zum Erfolg

       Zum Beispiel, dass Vater und Mutter „beinharte Kommunisten“ waren. Dass der Vater IM der Staatssicherheit war, versteht sich fast von selbst. Dass er allerdings unter acht verschiedenen Identitäten im Stasi-Auftrag im Westen unterwegs war, hat Ines Geipel erst aus ihren Stasi-Unterlagen erfahren. Mit 14 Jahren schickten sie die Eltern nach Thüringen ins Internat, eine „Spezialschule mit erweitertem Russischunterricht“, die dem Ministerium für Staatssicherheit per Patenschaftsvertrag verbunden war. Ab 1977 trieb sie Leistungssport, wurde Mitglied der DDR-Leichtathletik-Nationalmannschaft und stellte unter anderem 1984, damals unter dem Namen Ines Schmidt, gemeinsam mit Bärbel Wöckel, Ingrid Auerswald und Marlies Göhr für den SC Motor Jena einen Weltrekord für Vereinsstaffeln über 4×100 Meter auf.

       Wegen der Liebe zu einem mexikanischen Geher wollte sie die DDR verlassen, was sie sofort ins Visier der Stasi brachte, sie wurde bespitzelt und mit den üblichen Methoden der DDR-Staatsmacht bekämpft. Bis hin, dass ihr im Stasi-Auftrag bei einer Blinddarmoperation der gesamte Bauch samt Muskulatur durchgeschnitten wurde. Letztlich floh Ines Geipel 1989 über Ungarn in den Westen. Nach der Wende und der Möglichkeit, Einblicke in die Stasi-Unterlagen zu nehmen, widmete sich Geipel – und das bis heute – der Aufklärung über das DDR-Zwangs-Doping, das vom Bundesgerichtshof höchstrichterlich als „mittelschwere Kriminalität“ eingestuft wurde.

Doping ohne Rücksicht auf die jungen Sportler

       Für die vielen Tausend Doping-Opfer, von denen die weit überwiegende Anzahl nicht wusste, was „der Apparat“ mit ihnen anstellte, waren und sind die Folgen aber schwer und nachhaltig, weiß Geipel nicht nur aus eigener leidvoller Erfahrung und berichtet von vielen dramatischen Fällen mit massiven Krankheitsverläufen: Krebserkrankungen, aggressiven Psychosen, Bulimie, Borderline-Syndromen und vielem anderen mehr bis hin zu Selbstmorden. Der Vorwurf an die „ewig siegenden“ DDR-Athleten – und das Doping betraf laut Geipel praktisch alle Sportarten bis hin zum Segeln, auch wenn Leichtathletik und Schwimmen die Wahrnehmung bestimmen -, privilegiert gewesen zu sein, „liegt voll daneben“. Privilegien hätten Ärzte und Trainer genossen, deren Auftrag es war, ohne Rücksicht auf Verluste bei den jungen Sportlern für Sieger zu sorgen. Geipel wies auf einen Plan („Staatsgeheimnis“) von 1974 hin, der die „kriminelle Forschung“ im Sportbereich ermöglicht habe und der mit dem „Interkosmos-Program“ der Russen abgestimmt war. Ziel: „Die Suche nach dem maximal verzweckten Körper.“ Die Unterlagen dazu liegen laut Geipel im Militärarchiv Freiburg.

      So seien schon acht- bis zehnjährige Kinder mit männlichen Sexualhormonen „verseucht“ worden. „Die Athleten waren Versuchskaninchen, die weder informiert noch aufgeklärt wurden“, so Geipel als selbst Betroffene. In der DDR habe eine „Kultur der Tablette“ und eine „Kultur der Lüge“ geherrscht, „ein geheimes, sehr nach innen verschachteltes System, das deshalb auch sehr lange funktioniert hat“. Zugleich aber mit einer hohen Psychose- und leider auch Todesrate, weil die Betroffenen nichts erfahren haben.

Forschung und Aufklärung dringend erforderlich

       Laut Geipel ist in Sachen Aufklärung noch sehr viel zu tun. Mit der unermüdlichen und ehrenamtlichen Arbeit der Dopingopferhilfe, deren Vorsitzende Ines Geipel viele Jahre war, sei es nicht getan. „Wir leisten uns einen Forschungsnebel“ beklagt sie, nötig sei aber gezielte Forschung und vor allem auch Täterforschung. „Warum muss ich als kleine Schriftstellerin in Militärarchiven suchen“, fragte sie in Wetzlar und meinte damit die Verantwortlichen in Sport und Politik in Berlin. Es gelte, schwer missbrauchten Menschen zur Aufklärung ihrer Geschichte zu verhelfen, was dem einzelnen Betroffen mehr sehr schwer falle oder unmöglich sei. Zumal mittlerweile die „Opfer der 2. Generation“ nach Aufklärung riefen, behinderte Kinder, die von gedopten Müttern geboren wurden.

       Von den politisch Verantwortlichen und den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) fordert Ines Geipel, endlich eine ernste Erforschung des DDR-Staatsdopings auf den Weg zu bringen und damit auch einen „Enttabuisierungsraum“ und ein „Trauma-Zentrum“ für die Opfer zu schaffen. Um ihnen damit auch deutlich zu machen, dass die Sportlerinnen und Sportler schwer verletzte Opfer sind, denen Gewalt angetan wurde – und die nicht Täter gewesen seien. „Wir brauchen dringend mehrere Lehrstühle für Kommunismus-Forschung.“ Das ehrenamtliche Engagement der Dopingopferhilfe, die jeden einzelnen kleinen Erfolg zugunsten betroffener Sportler schwer erkämpfen müsse, reiche nicht aus.

Viel politische Bildung nötig

       Für Geipel ist es ein „großer symbolischer Verlust“, wenn, wie im Bundestag beschlossen, die Stasi-Unterlagen-Behörde in das Bundesarchiv übergehe. „Das DDR-System war mehr als eine Fußnote der Geschichte“. Sie widersprach ausdrücklich der Ansicht des Schriftstellers Günter Grass, der die DDR einst als „kommode Diktatur“ bezeichnet hatte. „Da war überhaupt nichts kommod“, weiß es Ines Geipel aus leidvoller Erfahrung besser. Und sie widersprach vehement der aktuell 59 Prozent Ostdeutschen, die die jetzigen Verhältnisse in Deutschland für repressiver erachteten als die DDR-Lebenswirklichkeit. Eine „beängstigende Geschichtsverdrehung“ nennt Ines Geipel diese Sicht, die „nach viel politischer Bildung“ rufe.

       Zum Abschluss stellte Ines Geipel einen Bezug zur Gegenwart her und sagte, ohne es offiziell zu sagen: „Wenn ich sage, dass der organisierte Sport auch heute Opfer produziert, dann bekomme ich Ärger mit dem Bundeinnenministerium. Und deshalb sage ich es nicht“, sagte sie.

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